30. April 2013

Die Tür

Es gibt Türen, die sind und bleiben verschlossen. Es gibt solche Türen auch in meinem Leben. Niemals konnte ich durch sie hindurch gehen, auch wenn ich es noch so wollte, auch wenn ich mich noch so sehr danach sehnte, auch wenn ich mich noch so mühte.
Und auch wenn es seltsam klingen mag, so bereue ich es nicht. Heute sehe ich diese Türen und frage mich, warum es mir so wichtig gewesen war, dort hinein zu kommen. Jetzt würde ich keinen Finger mehr dafür rühren.
Daneben gab es Türen, bei denen es mir wirklich wichtig war, sie öffnen zu können. Es gelang mir und ich bin noch immer froh darüber.
Dann gibt es Türen, die sich wie selbstverständlich auftaten. Und ich ging einfach hindurch. Und wunderte mich, dass es so einfach gewesen ist. Und wunderte mich zudem, dass es mir so wichtig gewesen war.

Dann gab es noch eine Tür, die ich verschmäht habe. Irgendwann einmal hatte ich sie gesucht, sie wurde mir geöffnet und ich durfte eintreten und mich frei bewegen. Irgendwann ging ich wieder zurück, schloss die Tür und kam nicht mehr zurück. Immer einmal wieder erschien ich vor ihr. Dann sah ich sie, fand sie unansehnlich, nicht reizvoll. Und ich dachte etwas wie: es riecht nach Motten und alten Spinnweben. Was sollte mich dazu bringen, sie wieder öffnen zu wollen?

Sie schaut unansehnlich aus. Sie ist nicht schön. Sie mag auf den modernen Zeitgenossen verstaubt, von Vorvorgestern und gänzlich reizlos erscheinen. Auch auf mich wirkte sie so. Was sollte mich dazu bringen, dort um Einlass zu bitten? Wofür?

Niemals kann ich diese Gnade begreifen, dass mir, als ich nach fast dreißig Jahren wieder dort erschien, sie geöffnet wurde. Dass mir der Zugang nicht verwehrt blieb, sondern ein zaghaftes zitterndes Klopfen reichte. Es war nicht einmal das. Vielmehr reichte nur ein Wort, ein Wort, ein Name, der über allen Namen steht. Und die Tür öffnete sich. Aus ihr strömte und strömt noch jetzt eine Liebe, deren ich noch immer nicht gewachsen scheine.

»Ich bin die Tür. Wenn jemand durch mich eintritt, wird er gerettet werden.«
Johannes 10,9 (NGÜ)


19. April 2013

Niemals hätte ich das erwartet. Wie hätte ich das ahnen können? Warum hat mich niemand darauf gebracht? 
Wie lange hatte ich gesucht. Wie lange nach Antworten gesucht und bekam immer nur Steine. Wie lange irrte ich innerlich umher. Solange bis ich auch äußerlich umherirrte und kein Zuhause mehr fand. Nicht in meiner Ehe, nicht in meinem Beruf, den ich geliebt hatte. Nicht in meiner Familie. Nicht in dem, was mir so viel bedeutet hatte. Nicht in der Kunst, nicht der Literatur.
Immer einmal gab es einen Wink, einen Hinweis. Aber nie liess ich mich darauf ein. Das kannte ich doch aus meiner Kindheit. Diesen Kinderglauben. Dass es einen Gott gibt, der auf mich sieht. Einen, der mich angeblich liebt. Wie sollte das gehen, wenn ich ihn nicht kannte, wie sollte er mich kennen können? 
Brennende Fragen. Keine Antworten. Nur Steine oder wirres Zeug, das mir keine Hilfe war. Irgendwelche Formeln, philosophische Systeme, bei deren Studium ich sofort ahnen konnte, dass ich mich selbst schon in kein System pressen kann und will. 
Wofür das alles? Was für einen Sinn hat dieser ganze Kram? Dieses durchs-Leben-quälen. Diese wenigen Wimpernschläge des Glücks konnten mich schon gar nicht befriedigen. Das sollte dann alles gewesen sein?
Wozu sollte ich leben? Nur um mir ein "Häusle bauen zu können", Kinder zu zeugen und zu erziehen - und am Ende allein in einem fast leeren Haus den Lebensabend abzusitzen, um irgendwann in einer Holzkiste unter der Erde zu liegen? 
Mich um Menschlichkeit, ja sogar Menschenrechte zu kümmern - und wieder zu sehen, dass dieses Ansinnen zwar gut ist, aber in einem Nichts endet? 
Wie hätte ich das ahnen können, dass es in dem zu finden ist, was ich als Kind verlassen hatte? 
Dass ich Brot bekommen kann und keine Steine? Und dass dieses Brot Leben bedeutet? Dass es eine Tür gibt, durch die ich gehen kann und muss nicht verloren gehen, sondern darf erst recht leben? Dass ich unendlich geliebt bin und man von mir weiß, mich so annimmt wie ich bin. 
Und spätestens da hätte ich wieder alles hinterfragen können. Wenn ich tatsächlich unendlich geliebt bin - wer kann unendlich lieben? -, wie sollte ich vor diesem "Unendlich", vor diesem "Ewig" erscheinen können mit all dem, was ich an Schuld auf meinem Rücken trug? 
Wie sollte ich durch diese Tür gehen können - mit dieser Schuld? Wie sollte ich da nicht zurückgestossen werden? Wie sollte mir da nicht ein "Nein" entgegen geschrieen kommen und alles wird und ist wieder sinnlos? 

Dieser "Unendlich", dieser "Ewig", dieser "Ewig-Vater" sagt durch seinen Sohn: 
»..wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinausstoßen.«

Er hat mich nicht hinausgestossen. Er wird auch Dich nicht hinausstossen.